28C3: Tag 1

2011-12-28 / Sebastian Morr / CC BY-NC-SA 4.0 / german, travel, report

Nachmittag. Ich hab mir einen gemütlichen Platz im Basement gesucht, mit Strom- und Kabelnetzversorgung und kann ein bisschen dokumentieren. Heute morgen bin ich gegen Zehn im bcc aufgeschlagen. Vor dem Gebäude wehen Pesthörnchen-Flaggen (google it), eine einige Meter hohe “Fairy Dust”-Rakete wurde aufgebaut. Innerhalb einer Minute habe ich mein ausgedrucktes Ticket gegen ein Armbändchen eingetauscht und konnte mich daran machen, das Kongressgebäude zu erkunden. In den letzten Jahren hat man immer von langen Warteschlangen vor dem Eingang gehört, dieses Problem gehört wohl der Vergangenheit an.

Das bcc besteht grundsätzlich aus drei (zugänglichen) Ebenen. Im Erdgeschoss ist hinter der Kasse die Garderobe und der Infodesk, der einem bei allgemeinen Problemen hilft und CCC-Mitgliedsanträge entgegennimmt, wenn ich das richtig sehe. Man findet hier außerdem bereits einige Tische, an denen sich diverse Projekte vorstellen, etwa der FoeBuD, der sich für Datenschutz einsetzt, oder der AK Vorrat, der gegen Vorratsdatenspeicherung kämpft. Klamotten werden zum Kauf angeboten, schön waren ein Strampelanzug mit der Aufschrift “Ich wiederspreche der Verwendung meiner Fotos […]”, Mausefallen mit der Aufschrift “Google”. Außerdem gibt’s hier das Buch Hackerbrause kurz & geek von O’REILLY und viele, viele Aufkleber, von denen einige jetzt meinen Laptopdeckel zieren :-) Im Erdgeschoss findet man außerdem die Vortragungs-Sääle 2 und 3, die wesentlich schmaler und länger sind, als ich sie mir immer vorgestellt habe. Im Zentrum dieses Stockwerks befindet sich eine runde Chillout-Lounge mit viel buntem Licht, bequemen (und stets belegten) Sitzmöglichkeiten und dem Bällebad! Daneben werden Getränke und Speisen verkauft, ab 14 Uhr gibt’s da richtig echtes warmes Essen zu vernünftigen Preisen (so um die 4 Euro). Ein halber Liter Mate kostet hier 2 Euro.

Geht man eine der Treppen rauf, gelangt man - wenig überraschend - in den ersten Stock. Von hier aus hat man Zugang zu dem riesigen Saal 1, der ebenfalls einen runden Grundriss hat und von der Kuppel überdacht wird, die man auch von außen sieht. Außen um diesen Saal herum, ist viel Platz für Projekttische. Wichtig sind das Phone Operation Center (POC) und das Network Operation Center (NOC), die man bei Problemen aufsuchen kann. Gesehen habe ich außerdem Tische diverser Hackerspaces, einige Quadrokopter-Projekte, die kleine Flugobjekte mit vier Rotoren bauen, die BlinkenArea mit vielen bunten, blinkenden Lichtern und Leute von Gentoo und Debian, zwei großen Linux-Distributionen.

Vom Erdgeschoss kann man auch eine Treppe runter gehen, dann kommt man ins Hackcenter, den Lebensraum des gemeinen Kellerkindes. Viele Reihen Tische mit Steckdosen und dicken Switches. Auch diese Tische scheinen größtenteils diversen Gruppierungen zugeordnet zu sein. Abgehend vom Hackcenter gelangt man zu mehreren Workshopräumen, in einem davon, in dem momentan nichts stattfindet, sitze ich gerade. Schließlich kommt man von hier zum “Himmel”. Im Himmel halten sich die Engel auf, wenn sie nichts zu tun haben… “Engel” ist die Bezeichnung für die zahlreichen freiwilligen Helfer, die Access Control am Eingang und an den Sälen machen oder während der Talks die Zuschauer in Zaum halten. Die also können im Himmel kostenlos Ambrosia beziehen ;-)

Zwischenspiel: Zur Steuerung der Lichtanlage hängt ein Touchscreen mit Bedienungselementen an der Wand. Jemand kam da gerade versehentlich drauf, worauf das Licht komplett ausging. Kommentar: “Jah, so wachen die Zombies mal auf!” Das Licht ging später natürlich auch wieder an. Komplett. Und dann wieder komplett aus. Zuruf: “Das is dimmbar!” Na, und nach ein paarmal hin und her, Herunter- und Herauffahren der Rollos und der Projektionsfläche war auch bald der Normalzustand wiederhergestellt.

Soweit die Beschreibung des Gebäudes. Nachdem ich mich einigermaßen orientieren konnte, ging ich zur Matequelle. Hier wird nicht nur Club Mate, sondern auch “MATE flora POWER” verkauft. Während mich Mate geschmackich an Feige erinnert, schmeckt Flora angenehm nach grünem Tee, kann aber nicht mit dem Original mithalten. WLAN funktioniert, manchmal. Eher unzuverlässig, gerade in Stoßzeiten zwischen den Vorträgen kommt man oft nicht rein.

Naja, ich habe dann als allererstes mit einem anonymen Stratum 0-Mitglied die Keynote, den ersten, richtungsweisenden Vortrag, angehört. Folien und Vortrag waren nicht besonders ansprechend aufgemacht, und für mich manchmal nicht ganz verständlich. Es ging um den Einsatz von westlicher (Überwachungs-)Technologie in Diktaturen. Klar, findet statt. Klar, lässt sich nicht verhindern. Anschließend ein netter Vortrag über die Atari Spielekonsole, eine ganz frühe populäre Spieleplattform, die umfassend, mit vielen grafischen Beispielen beschrieben wurde. Danach die Vorstellung der neuen r0ket, die oben bereits erwähnt wurde. Am Ende des Vortrages wurden alle, die bereits eine neue r0ket besaßen, aufgefordert, sich drahtlos entweder mit dem Spiel “Left” oder dem Spiel “Right” zu verbinden, und dann wurde kollaborativ vorne auf der Leinwand Pong gespielt. Die r0kets haben kleine Joysticks, und die zwei Paddles vorne wurden durch die durchschnittliche Steuerung der teilnehmenden Personen gesteuert. Was erstaunlich gut funktionierte.


Übrigens, zum Thema eigene Datensicherheit: Heute im Atari-Talk waren meine Google-Ergebnisse bei der Bildersuche plötzlich Russisch! Sofortige Reaktion: WLAN-Hardwareschalter auf “aus”. Aber ich vermute, da haben sich die Leute, die sich ums Netzwerk kümmern, einen Scherz erlaubt. (Anmerkung 2012-12-27: Wr ein ganz trivialer Grund: Der IP-Bereich des Congressnetzes wurde von Google in Russland vermutet :3)

Der Kongress hat nicht nur ein Datennetz, sondern auch ein eigenes, lokales Telefonnetz, das dieses Jahr auch GSM-Geräte, sprich, Handys, umfasst. Für zwei Euro bekam man am POC eine SIM-Karte und konnte sich dann einen Account (mit Wunschnummer!) anlegen. Das hab ich mit meinem alten Nokia-Handy gemacht, während ich im Gebäude bin, bin ich jetzt also via 9-BLIN (bzw. 92546) erreichbar. Anrufe empfangen kann man sogar von draußen (0531-349439-92546), SMS allerdings nicht. In diesem Telefonnetz kann man coole Sachen machen, es gibt zum Beispiel einen Telefondienst namens Mate-o-Meter. Das ruft man an, pustet 3 Sekunden über die Mateflasche, und aus dem Klang berechnet der Dienst einem den Füllstand der Flasche. Das FUNKTIONIERT auch noch!! Meine Flasche WAR zu 21% gefüllt! Andere Nummern sagen die Zeit an, lesen das aktuelle Programm vor oder übertragen den Ton aus den verschiedenen Sälen. Und einen coolen Dienst gibt es noch, den irgendein Hackerspace aufgebaut hat: Man schickt eine SMS an eine bestimmte Nummer, und der Text wird dann von einer modifizierten Schreibmaschine auf einem Endlosband ausgegeben.

“Nachmittags” gabs den Vortrag Packets in Packets, in dem über eine bisher offenbar unterschätzte Angriffsmöglichkeit über die niedrigste Ebene des Internetstacks vorgestellt wurde, bei dem man Pakete in Pakete stopft und dann hofft, dass der erste Header bei der Übertragung kaputt geht und der zweite genommen wird. Danach hieß es: Anstellen für die r0ket. Das Interesse war so groß, dass ich ungefähr eine Stunde anstehen musste. Habe mich mit zwei jungen Mitgliedern des Hackerspaces in Siegen unterhalten (der bisher HaSi heißt…), sodass die Zeit tatsächlich relativ schnell verging. Verkauft wurden auch ansteckbare Module, die die Rakete um eine leuchtende Flamme erweitern, aber die schicken Logos waren alles schon weg. Braucht man ja auch eigentlich nicht. Irgendwann waren wir dran und nahmen sehr glücklich unsere Geräte entgegen. Sie waren schnell zusammengebaut, man musste nur einige Dinge zusammenstecken und -kleben. Beim Hochfahren bleibt meine allerdings bisher hängen.

Die Döner mit Knoblauchsoße hier schmecken nicht nur gut, sie werden auch von sehr orientalisch aussehenden Männern in mit goldenen Ranken geschmückten Gewändern zubereitet. In meinem war ein langes Haar, das kann aber gut Eigenverschulden gewesen sein.

Jetzt geht’s noch zu Dan Kaminsky über Netzwerksicherheit und zur ersten Gameshow des Kongresses. Aber davon berichte ich morgen, wenn’s was Berichtenswertes gibt.


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